Wie selten ist es, Mensch zu sein?

Am Morgen nach den Geburtstagen ist das Haus noch nicht wieder „normal“. Es liegt etwas in der Luft, das sich nicht sofort wegräumen lässt. Ein Rest von Aufregung, von Zucker, von Stimmen, die zu laut waren und irgendwann leiser wurden. Kerzenstummel, Papier, kleine Spuren von gestern. Und gleichzeitig diese ungewohnte Stille, die sich erst zeigt, wenn alle wieder schlafen oder schon in ihrem eigenen Tag verschwinden. Ich gehe durch die Küche und merke, wie mein Blick immer wieder hängen bleibt. Nicht an den Dingen, sondern an dem, was sie bedeuten. Vierzehn Jahre. Zehn Jahre. Diese Zahlen sind eigentlich lächerlich, wenn man bedenkt, was sie wirklich erzählen: Zeit, die sich verkörpert hat. In einem Gesicht, das sich verändert. In einer Stimme, die tiefer wird. In einem Blick, der schon etwas von der Welt gesehen hat. Und dann ist da dieser Moment, den ich kaum beschreiben kann, ohne dass er zu groß klingt. Aber ich kann ihn auch nicht kleiner machen, nur weil er nicht in eine alltägliche Sprache passt.

 

Geburtstage sind für mich kein netter Marker im Kalender. Sie sind ein Portal, jedes Jahr wieder. Ein Punkt, an dem ich mich nicht rausreden kann, nicht ablenken, nicht erklären. Da steht es vor mir, ganz schlicht und gleichzeitig unbegreiflich: Menschsein. Ich schaue meine Kinder an und denke nicht zuerst an Erziehung oder an das, was „noch kommt“. Ich denke an den Anfang, an das Hier ankommen. An dieses innere Wissen, das viele Mütter kennen und kaum jemand wirklich ausspricht: Da ist nicht einfach ein Kind entstanden. Da ist etwas in die Materie gegangen. Ein Ton hat sich einen Körper genommen. Eine Seele hat Ja gesagt zu Zeit, zu Grenzen, zu Schmerz, zu Liebe, zu dieser merkwürdigen Mischung aus Himmel und Alltag und diesem wilden Leben hier.

Vielleicht ist genau deshalb die Frage so hartnäckig in mir: Wie selten ist es eigentlich, Mensch zu sein?

Wir leben oft so, als wäre es normal. Als wäre es der Standardmodus, in dem man halt seine Sachen erledigt und irgendwie durchkommt. Klar, wir müssen unsere Sachen erledigen, aber manchmal übersehen wir vor lauter Aufgaben, dass dieses Leben nicht einfach ein Ablauf ist, sondern eine Erfahrung. Bewusstsein in Materie. Seele in Körper. Zeit. Grenzen. Nähe. Berührung. Erinnerung. Verlust. Liebe. Das alles in einem einzigartigen Bogen. Das Seltene daran ist nicht, dass wir hier sind, statistisch gesehen. Das Seltene ist, dass wir wirklich DA sind. Dass wir nicht nur funktionieren, nicht nur reagieren, nicht nur beschäftigt sind. Dass wir uns nicht permanent wegdrücken, wegziehen, wegorganisieren. Menschsein ist selten, weil es selten ist, bei sich zu bleiben, während das Leben an einem zerrt.

Und genau an dieser Stelle kommt für mich etwas ins Spiel, das ich seelische Grundfrequenz nenne.

Ich meine damit keine Stimmung, kein Hochgefühl, keine „hohe Schwingung“ als neues moralisches Ideal. Ich meine einen Ton, einen Basiston, den du nicht erzeugst, sondern trägst. So wie ein Instrument einen Grundklang hat, selbst dann, wenn es verstimmt ist. So wie ein Mensch eine Signatur hat, selbst dann, wenn er sich anpasst. Etwas in dir, das nicht aus deinen Rollen entstanden ist. Etwas, das nicht erst dann existiert, wenn du dich zusammenreißt, dich entwickelst, dich verbesserst. Es ist vorher da. Es ist der ursprüngliche Klang, mit dem du hier ankommst.

Natürlich kann man das psychologisch erklären. Temperament, Nervensystem, frühe Bindung, Prägung, Trauma, Lebensgeschichte. Und ja: Das alles prägt den Ausdruck. Es stimmt dein Instrument, manchmal fein, manchmal brutal.

 

Nur erlebe ich Grundfrequenz nicht als Summe der Umstände. Ich erlebe sie als Vorgabe, nicht als Schicksal, nicht als Etikett, nicht als „so bin ich halt“. Eher wie eine innere Wahrheit, die durch alles hindurch klingt, wenn man aufhört, sie zu überdecken.

Du musst meine Sprache dafür nicht übernehmen, du kannst es auch anders nennen. Für mich beschreibt sie einfach eine Erfahrung, die sich nicht wegdiskutieren lässt: Dass es in uns etwas gibt, das nicht aus unseren Rollen stammt. Etwas, das sich meldet, wenn wir still werden, und das verstummt, wenn wir zu lange gegen uns leben. Körper, Psyche, Familie, Kultur, Zeitgeist, Beziehungen, Erwartungen: das sind die Ebenen, durch die ein Mensch hindurch lebt. Und sie alle können den Ton formen. Sie können ihn auch verschieben. Manchmal wird er leiser, weil zu viel Lärm da ist. Manchmal wird er hart, weil zu viel Druck ihn komprimiert. Manchmal klingt er gar nicht mehr nach dem, was er eigentlich ist, weil ein System gelernt hat, sich zu schützen, sich anzupassen, zu überleben.

Und trotzdem: Er ist nicht weg. Er ist nur überlagert.

Ich erkenne den Kontakt zur Grundfrequenz nicht daran, dass jemand permanent ruhig ist oder immer „bei sich“ wirkt. Leben ist Bewegung, aber ich erkenne ihn an Kohärenz. An diesem Gefühl, dass ein Mensch innen nicht permanent gegen sich arbeitet. Dass er nicht dauernd nach außen ausweicht, um innen nichts spüren zu müssen. Dass er eine Art innere Aufrichtung hat, auch wenn er wankt. Dass er Nein sagen kann, ohne sich danach zu zerlegen. Dass er nicht ständig erklären muss, warum er so ist, weil er nicht die ganze Zeit versucht, sich passend zu machen.

Und ich erkenne das Fehlen dieses Kontakts genauso klar. Nicht als Fehler, eher als Muster. Du merkst es, wenn du dich dauernd korrigierst. Wenn du schneller reagierst als du überhaupt spürst, was gerade geschieht. Wenn du so viel „aushältst“ und dabei kaum noch da bist. Wenn du am Ende eines Tages nicht müde bist, weil du so viel getan hast, sondern leer, weil du so wenig du selbst warst. Wenn du dich innerlich nur dann sicher fühlst, wenn alles kontrollierbar ist. Wenn du dieses diffuse Gefühl kennst: Ich müsste erst anders werden, um ich sein zu dürfen.

Das alles ist kein moralisches Problem, es ist ein Ordnungsproblem. Ein Feld, das nicht mehr in seiner eigenen Signatur schwingt.

Und dann kommen Kinder ins Spiel. Nicht als pädagogische Idee, sondern als Realität. Kinder sind ehrlich auf eine Weise, die sich nicht verhandeln lässt. Sie spüren, ob du da bist. Nicht, ob du nett bist. Nicht, ob du dich bemühst. Ob du da bist. Ob du in dir wohnst. Ob du in deiner Wahrheit stehst oder in deiner Anpassung. Und genau deshalb sind sie so ein Spiegel. Nicht um Schuld zu machen, sondern um Erinnerung zu sein: Du kannst vieles sein, aber du kannst nicht dauerhaft bei dir sein und gleichzeitig gegen dich leben.

 

Vielleicht ist das auch einer der stillen Gründe, warum Elternschaft so transformierend ist. Nicht wegen der Aufgaben, sondern wegen der Reibung. Weil sie dich an die Stellen führt, an denen du dich nicht mehr elegant herausreden kannst. Und weil sie dich, spätestens an Tagen wie Geburtstagen, wieder an den Anfang erinnert. An das Kommen. An den Ton. An die Frage, ob du in deinem Leben noch hörbar bist.

Wenn ich Menschen begleite, geht es letztlich immer wieder genau darum. Nicht um Optimierung, nicht um das nächste Konzept. Sondern um Rückkehr. Um das Wiederhörbarwerden der eigenen Signatur, um das Lösen von Überlagerungen, die sich manchmal wie Nebel anfühlen und manchmal wie Beton. Um die Erinnerung: Du bist nicht hier, um dich permanent zu verlieren. Du bist hier, um dich zu verkörpern.

 

Eine Praxis, die ich dafür liebe, ist fast lächerlich schlicht. Setz dich hin, sieben Minuten. Kein Input, keine Musik, kein Ziel. Und dann stell dir nur eine einzige Frage: Was ist in mir gerade wahr, auch wenn ich es nicht schön finde. Bleib nicht bei der Story, bleib beim Ton darunter. Wenn erstmal nichts kommt, ist das keine Niederlage. Es ist Information. Dann ist dein System wahrscheinlich nicht leer, sondern voll. Voll von Fremdimpulsen, Rollen, Druck, Erwartungen. Dann ist der erste Schritt nicht mehr machen, sondern weniger. Weniger Lärm, damit du dich wieder hörst.

Und damit sind wir zurück bei der Ausgangsfrage. Wie selten ist es, Mensch zu sein?

Vielleicht ist es selten, weil dieses Menschsein nicht dafür gedacht ist, nur zu funktionieren. Vielleicht ist es dafür gedacht, dass eine Seele in Materie sich erinnert. Dass sie sich lebt und dass sie sich nicht verwässert. Und vielleicht ist das kein romantischer Gedanke, sondern eine tägliche Entscheidung. Ob du dich überdeckst oder ob du dich hörst. Ob du dich anpasst oder ob du dich führst. Ob du dich verlierst oder ob du zurückkommst. Wenn du gerade das Gefühl hast, dein Ton ist kaum noch da, dann bist du nicht kaputt. Du bist nicht falsch. Du bist wahrscheinlich nur zu weit weg von dir gegangen. Und du kannst zurück. 

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